Walk the Talk: Warum der Rollator feministisch werden muss

Über Sanitätshäuser, Leberwurstfarbe, und die Weigerung, unsichtbar zu werden.

Ich habe vorgestern ein Bild von Barabara Kroll mit einem Drachenrollator in meinem Instagram Feed gesehen und das leierte eine Gedankenkaskade bei mir aus, dokumentiert in einem whatsapp Chat mit einer Freundin:

Nunja, nun auch hier dazu einige der Hintergrundgedanken dazu

Ich erinnere mich an den Moment im Jahr 2019, als ich wegen Fußschmerzen vom Orthopäden Einlagen verschrieben bekam. Direkt nebenan war das Sanitätshaus wo ich dann gleich hinsollte. Ich gehe also da rein und in dem Moment hatte ich das Gefühl um *mindestens* 20 Jahre gealtert und krank zu sein: Alles ist gefühlt grau, beige und vielleicht noch leberwurstfarben. Die Beleuchtung ist so ein Krankenhausflur-Neon, irgendwo dudelt Radio Antenne und zwischen Orthesen, Kompressionsstrümpfen und Inkontinenzmaterial stehen die Rollatoren, Rollstühle und Krücken. Alle in demselben Farbton, der auf Deutsch vermutlich „medizinische Resignation“ heißt.

Ok durchatmen, ich bin Ende vierzig, fit, komme wegen Schuheinlagen. Und trotzdem, in dem Moment, wo ich diesen Raum betrete, passiert gefühlt etwas mit meiner Identität. Das Sanitätshaus scheint durch jedes einzelne Designelement die Botschaft zu kommunizieren: Du bist krank, du bist alt, du hast als Person mit Geschmack aufgehört zu existieren . Hier gibt es nur noch reine Funktionalität und die ist: beige.

Hello? Diese Hilfsmittel sind auch nicht neutral, obwohl sie versuchen, es zu sein!

Solche Hilfsmittel können mit darüber entscheiden, ob ältere Personen, (insbesondere möchte ich hier über Frauen sprechen -dazu gleich mehr) als Personen mit Stil, Haltung und Präsenz sichtbar bleiben oder gesellschaftlich aus dem Bild verschwinden.

Es ist ja nicht nur so, dass der Körper quais „materiell“ altert, sondern auch der gesellschaftliche Blick entzieht sich – besonders – den älteren Frauen, denn sie werden schlicht im Alter unsichtbar. Dieses o.g. Hilfsmitteldesign kann dieses Verschwinden aus der Gesellschaft verstärken. Alte, ältere, „sehr alte“ Frauen sind in unserer Bildsprache sowieso immer noch rar. Wenn sie überhaupt gezeigt werden, entsprechen sie oft zwei Karikaturen: hilflos oder „komisch“. Eine qualifizierte/ kompetente, selbstbewusste oder autoritäre Darstellung findet man kaum, eine wütende eventuell schon gar nicht – was hier gesagt werden soll ist: all das das sind Rollen, die wir (gesellschaftlich) Frauen mit über 60, 70, 80+ kaum zusprechen. Susan Sontag hat dieses „double standard of aging“ in den 1970er Jahren beschrieben: Männer altern „würdevoll“, Frauen verschwinden buchstäblich aus dem öffentlichen Bild. Der beige-graue Rollator ist ein Teil davon, denn er verstärkt diese Verschwinden.

Don Norman hat das auf der SXSW mal in einem Panel auf den Punkt gebracht: „Old people are cool. Design for them sucks.“
Er meinte dabei aber nicht nur Ästhetik, sondern ging etwas tiefer. Er meinte, dass emotional Design keine Kür sondern Pflicht ist. Objekte, die wir täglich nutzen, die nah an unserem Körper sind, formen auch, wie wir uns selbst wahrnehmen. Und wenn das Objekt sagt „du bist alt und ein medizinischer Fall“ dann glaubt man das irgendwann, bzw es führt zu einer Art Selbststigmatisierung als „alt, grau, krank“ – gut für das Wohlbefinden kann das nicht sein.

Erving Goffman hat das 1963 in Stigma beschrieben: ein sichtbares Merkmal, das von der gesellschaftlichen Norm abweicht, wird quasi zum Träger sozialer Bedeutung. Der Rollator, wie er existiert ist also oft nicht einfach ein „neutrales“ Geh-Hilfsmittel.

Psychologische Studien zeigen zudem, dass es reale, messbare Auswirkungen hat, wenn Menschen mit negativen Alterssterotypen (z.B alt, grau, langsam“) konfrontiert werden: In einer bekannten sozialpsychologischen Untersuchung
(Bargh et al., 1996)  gingen junge Testpersonen, nachdem man bei ihnen negative Altersstereotype unterschwellig aktiviert hatte ( Priming), deutlich langsamer über den Flur als eine Kontrollgruppe die mit neutrale Begriffen geprimt wurde.

Der Designer Victor Papanek hat schon 1971 in seinem Buch Design for the Real World geschrieben, dass Designer*innen eine Verantwortung gegenüber den Menschen haben, die ihre Objekte tatsächlich benutzen und nicht gegenüber dem System, das sie bezahlt. Das ist bis heute radikal. Und im Bereich Hilfsmittel bis heute in vielen Fällen uneingelöst. (Ich nehm mal die Kassenbudgets raus, es geht mir hier um etwas anderes.)

Natürlich leben diese Produkte in einem System aus Kassenleistungen, Normen und Budgets. Aber Systemzwänge rechtfertigen nicht, dass ein Großteil der Hilfsmittel so entworfen werden, als wäre Alter (vor allem bei Frauen) synonym mit Verschwinden, Schrumpfung und Unsichtbarwerden. Kritik an Design beginnt eventuell genau dort, wo Systemlogik behauptet, „mehr“ sei ohnehin nicht möglich.
Die Frage ist wie so oft: Wessen Blick galt hier als „normal“? Der Blick, der als Standard gilt, ohne dass er explizit benannt wird ist hier wahrscheinlich der medizinische, der rein funktionale, der männliche, der jugendzentrierte, der „gesunde Körper“‑Blick?
Und wessen Gefühl nach Würde, Stil und Präsenz galt als „luxuriös“ und damit überflüssig?

Der feministische Rollator

Eine Frau mit grauen Haaren, schwarzem Anzug und Sneakers, die einen Rollator durch eine Kunstgalerie schiebt. Aber der Rollator ist ein silbernes Drachenskelett auf Rädern. Das Bild hatte Stand dieses Artikels 37.000 Likes auf Instagram, in den Comments keine Spur Mitleid, im Gegenteil die Kommentare sind ausschliesslich positiv und viele fragen wo man das kaufen kann und fänden es cool wenn er auch Feuer spuckt (inklusive mir) , bzw wollen auch sowas haben.

Eine Frau mit grauen Haaren, schwarzem Anzug , Sneakers und sie schiebt einen Rollator durch eine Kunstgalerie. Der Rollator ist ein silbernes Drachenskelett auf Rädern

Bild: barbara.kroll.art – Instagram (mit freundlicher Genehmigung)

Das Bild von barbara.kroll.art kann als ein feministisches Designstatement gelesen werden. Es zeigt, was möglich wäre, wenn Hilfsmittel für den Blick der Nutzerin selbst entworfen wären nicht für den medizinischen Blick und nicht für die Krankenkassenbudgets.

Die Designtheorie nennt das Speculative Design (Dunne & Raby) Es geht bei Speculative Design nicht primär um die Gestaltung von Dingen, die eine Funktion erfüllen oder ein konkretes Problem lösen sollen, sondern es geht darum, Fragen aufzuwerfen, Kritik zu äußern, zu provozieren und darum, alternative Zukünfte zu entwerfen. Die Frage hier lautet im Endeffekt: Was wäre wenn Hilfsmittel wirklich für Menschen, die auf sie angewiesen sind gestaltet wären – und nicht nur für Diagnosen oder Krankenkassenbudgets ?

Die Antwort könnte Cortège heißen. Cortège klingt wie ein extrem teures französisches Modelabel, null nach Krankenhaus – obwohl es im französischen für Leichenzug – aber auch für feierliche Prozession steht, hihi. Ja das ist dark, bisschen morbid, aber eben mit Stil, elegant und vor allem sehr sehr selbstironisch. Eine spekulative, fiktive Designmarke, die sagt: yes, dein Körper verändert sich, ja, wir bewegen uns in Richtung Ende. Na und?? Hier ist dein Drachenrollator. Enjoy! Nimm dir deinen Platz in der Gesellschaft!

Die Customer Journey bei Cortège wäre radikal anders als in den üblichen Sanitätshäusern

  • Der Vibe: Dunkle Samtvorhänge, vielleicht ein bisschen Vivienne Westwood-ish? Kuratierte Playlists (vielleicht etwas Punk), und Berater*innen, die die Kund*innen nicht als „Patientin“ mit Defizit begrüßen, sondern als Person mit Emotion und Stil
  • Das Customizing: Ein Regal mit verschiedenen „Skins“ für die Rollatoren: von Neon-Acryl bis hin zu Drachenschuppen-Optik oder minimalistischem Bauhaus-Stahl.
  • Und der Community-Aspekt: Eine Pit Stop Bar im Laden, wo man sich über das Älterwerden austauscht, während die Bremsen am silbernen Gefährt inachgestellt werden. Hihi.

Diese spekulative Marke ist gedacht für alle älteren Frauen, die ihre Würde nicht an der Sanitätshaustheke abgeben wollen und die ihren Humor behalten möchten oder haben. Die wissen, dass sie alt sind und sich trotzdem oder gerade deswegen nicht in Beige und Grau hüllen möchten. Ich glaube das sind sehr viele Menschen und leider mit wenig bis null adäquatem Produktangebot.

If you can’t stand up – stand out“ und We believe your wheelchair should reflect your personality

Izzy Wheels z.B hat gezeigt, dass es funktioniert und sie arbeiten mit Marken wie z.B Disney zusammen. Rollstuhlspeichen als Fashion Accessoire / Statement Sie haben klein angefangen und sind viral gegangen weil sie die richtige Fragen gestellt haben, nämlich: Wessen Körper? Wessen Perspektive? Wessen Würde?

Feminist Product Design bedeutet diese Fragen ernst zu nehmen und dann vielleicht einen Drachen draus zu machen.

Walk the Talk -im wörtlichsten Sinne.

Anmerkung: Ich weiß sehr gut, dass ich diesen Text aus einer körperlich privilegierteren Perspektive und Situation heraus schreibe.
Ich diskutiere über medizinische Hilfmittel, während ich im Westen am Schreibtisch sitze und weiß, dass andere diese Geräte unter völlig anderen Bedingungen, mit viel mehr Notwendigkeit und weniger Sicherheit nutzen.
Nichtsdestotrotz möchte ich darüber sprechen, welche Bilder, Stereotype, welche Würde und Verschwinden in diesen Objekten versteckt liegen.


Literatur

  • Bargh, J. A., Chen, M. & Burrows, L. (1996).Automaticity of social behavior. Direct effects of trait construct and stereotype activation on action. Journal of Personality and Social Psychology, 71, 230-244.
  • de Beauvoir, S. (1972). Das Alter.
  • Dunne, A. & Raby, F. (2013). Speculative Everything.
  • Goffman, E. (1963). Stigma: Notes on the Management of Spoiled Identity.
  • Norman, D. (2004). Emotional Design. — SXSW Panel: „Old People Are Cool, Design for Them Sucks“
  • Norman, D. (2019). I wrote the book on user‑friendly design. What I see today horrifies me. Fast Company. https://www.fastcompany.com/90338379/i-wrote-the-book-on-user-friendly-design-what-i-see-today-horrifies-me
  • Papanek, V. (1971). Design for the Real World.
  • Sontag, S. (1972). The Double Standard of Aging. Saturday Review.
  • Bild: barbara.kroll.art – Instagram (mit freundlicher Genehmigung)

Beitragsbild von Benjamin Brunner auf Unsplash

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